Dokumentation Erdbebeneinsatz in der Türkei

Am Montag, dem 6. Februar 2023 haben zwei schwere Erdbeben in der Türkei fürunvorstellbare Schäden gesorgt. Schon nach den ersten Meldungen war für mich klar, dass es sich dabei um ein größeres Ereignis handeln musste. Zu meiner Arbeit gehört es, bei solchen Katastrophen für die TV-Sender und Online-Medien von vor Ort zu berichten. Was von dem ein oder anderen als Katastrophentourismus angesehen wird, ist letztendlich mein Job. Ich finde es schlimm was da passiert ist und ich würde am liebsten jedem einzelnen vor Ort mit meinen eigenen Händen helfen. Es gehört aber auch dazu, in unserem Land über die Geschehnisse vor Ort zu berichten, nicht zuletzt auch, damit Hilfe auch angepasst und koordiniert werden kann und beispielsweise die Spendenbereitschaft der Menschen erhöht wird. Also versuchte ich bereits am Unglückstag einen Flug in die Türkei zu bekommen, doch das war schwieriger als Gedacht. Die betroffenen Flughäfen waren zeitweise geschlossen oder Flüge wurden gestrichen, verfügbar waren nur noch wenige und nicht sinnvolle Verbindungen. Am Mittwoch dann war es aber soweit: gemeinsam mit Helfern aus verschiedenen Ländern saß ich im Flieger über Istanbul nach Adana. Dort angekommen schloss ich mich einem deutschen Rettungsteam des Internationalen Katastrophenschutzvereins @fire an. Ich konnte bereits bei der Landung mit den Dreharbeiten beginnen und den Helfern beim Entladen der Technik und Ausrüstung über die Schulter schauen. Die Ankunftshalle des Flughafens war in einen Bereitstellungsraum verwandelt worden. Zwischen den Kofferbändern lagen Einsatzkräfte, ruhten sich aus, schliefen, machten Selfies. Mitten drin Rettungshunde, Feuerwehrleute und freiwillige Helfer.

In zwei Kleinbussen und mit einem LKW voller Ausrüstung fuhren wir rund 200 Kilometer bis in die Kernzone des Schadensgebietes. Auf dem Weg dorthin fuhren wir immer wieder durch kleinere Ortschaften, die nahezu vollkommen in Trümmern lagen. Viele Helfer waren dort bereits vor Ort, es wurde mit Abrissbaggern gearbeitet und nach verschütteten gesucht. Die Sonne schien, es war dennoch bitterkalt um die 2 Grad. Am frühen Vormittag traf unsere Kolonne in Kahramanmaraş ein. Eine Stadt mit über 600.000 Einwohnern. Etwas außerhalb auf dem Stützpunkt einer staatlichen Katastrophenschutzbehörde wurde ein Lager für die ausländischen Hilfskräfte errichtet. Auch das Team von @fire hatte dort einen Platz bekommen, erste Einsatzkräfte des Vereins waren bereits einen Tag zuvor angereist und hatten erste Zelte aufgebaut. Aufgabe des Teams, welches ich begleitet hatte, war nun, das Lager auszubauen und weitere Ausrüstung vorzubereiten. Bis zum Mittag begleitete ich die Aufbauarbeiten und konnte mit den Helfern ins Gespräch kommen. Zwei der @fire-Leute gaben noch kurze Interviews vor der Kamera, das erste Videomaterial konnte ich am Mittag an die TV-Sender in Deutschland überspielen. Der hessische Rundfunk griff direkt darauf zurück und berichtete über den @fire-Einsatz, bei dem auch Helfer aus Hessen mit dabei waren.

Während das nachgerückte Team das Lager aufbaute, war das erste Team bereits im Schadengebiet, um dort nach verschütteten zu suchen. Auch dies wollte ich dokumentieren und mich deshalb auf den Weg in die Stadt machen. Doch dabei gab es ein Problem: ich hatte zwar einen Mietwagen bestellt, aufgrund des Katastrophenzustands waren jedoch keine Fahrzeuge mehr verfügbar. Ich wurde von einem türkischen Team der iHH Humanitarian Relief Foundation. Mit ihrem Transporter fuhren wir ins Stadtzentrum. Auf dem Weg dort hin durchquerten wir Stadtviertel, bei denen auf den ersten Blick fast alles in Ordnung schien, bis auf kleinere Schäden. Dann jedoch erreichten wir eine Region in der Nähe des Stadions, wo eigentlich Hochhäuser stehen würden. Dabei liegt die Betonung leider auf dem Wort „eigentlich“. Denn mit einem Mal waren rechts und links der Straße nur noch riesige Schutthaufen zu sehen, auf denen sich Menschenketten gebildet hatten oder Bagger große Trümmerteile beiseite schuben. In manchen Straßenzügen stand kein einziges Haus mehr, die Zerstörung war unvorstellbar. Zudem saßen unzählige Menschen auf der Straße, sie wärmten sich an brennendem Müll auf, manche schliefen unter einer schmutzigen Decke. Kinder weiten, auch etlichen Erwachsenen war die Verzweiflung anzusehen. Ich stieg aus dem Auto aus und machte mich zu Fuß auf den Weg, um das deutsche @fire-Team zu suchen, welches bereits im Einsatz war. Immer wieder hielt ich an und dokumentierte die Schäden und die Maßnahmen der Helfer. Bei solch einem Anblick denkt man nicht mehr über das nach, was man dort sieht. Man sucht nach Bildern und versucht, eine Geschichte zu erzählen.

Letztendlich habe ich das @fire-Team am Nachmittag zwar im Schadengebiet gefunden, jedoch machten die Helfer gerade eine wohlverdiente Pause und warteten auf einen weiteren Einsatzbefehl. In der Zwischenzeit herrschte plötzlich an einem eingestürzten Haus direkt neben uns große Aufregung: es wurde offenbar ein Überlebender unter den Trümmern geortet! Ich beschloss, die Rettungsmaßnahmen dort weiter zu dokumentieren. Schätzungsweise weit mehr als 100 Spontanhelfer hatten sich innerhalb weniger Minuten an Ort und Stelle gesammelt und eine Menschenkette gebildet. Spezielle USAR-Einsatzkräfte (Urban Search And Resche) gruben nach dem Vermissten und versuchten über mehrere Stunden, an die Person heranzukommen und sie schnellstmöglich zu retten. Am Abend ist der Mann dann gerettet worden. Unter Jubel und Applaus wurde er von der Menschenkette aus den Trümmern getragen und in einen Rettungswagen gebracht. Er hatte fast 90 Stunden lang in dem eingestürzten Haus überlebt. Zu dieser Rettung habe ich zudem ein kurzes YouTube-Video erstellt:

Dann war der Tag bereits vorbei und der Rückflug nach Deutschland wartete. Zwischendurch versorgte ich die TV-Sender mit aktuellem Material und auch einen Spendenaufruf von @fire verbreitete ich über meine Kanäle sehr gern. Denn nur so können solche Einsätze, wie der in der Türkei schnell und unbürokratisch umgesetzt werden. Das Team von @fire war generell eines der ersten ausländischen Teams vor Ort, weil man auf eigene Faust und mit eigenem finanziellen Risiko aufgebrochen ist. Rund 90 Einsatzkräfte von @fire waren in der Türkei aber auch in Deutschland im sogenannten Heimatstab während des Einsatzes gefordert. An dieser Stelle möchte ich mich herzlich für die gute Zusammenarbeit mit @fire bedanken und präsentiere euch hier noch einen kurzen Film vom @fire-Einsatz: