Berichterstattung aus dem Kriegsgebiet um Kiew in der Ukraine

Nach dem Abzug der russischen Truppen aus den hart umkämpften Gebieten in der Nordukraine und rings um Kiew entschloss ich mich am 4. April dazu, für die Berichterstattung aus der Region erneut in die Ukraine zu fahren. Am 5. April startete ich dann die Tour in Richtung Kiew. Nach unzähligen Checkpoints und Kontrollstellen erreichte ich am 6. April dann die Autobahn (E40) etwa 80 Kilometer von Kiew entfernt. Diese war aufgrund von Aufräum-, Spreng-, und Entschärfungsarbeiten jedoch gesperrt, sodass ich einen enormen Umweg über Dörfer im Süden von Kiew in Kauf nehmen musste. Hier boten sich die ersten schrecklichen Bilder: Mit einem Mal stand man mitten im Kriegsgebiet. Ein Dorf war von mindestens einer Rakete getroffen worden. Sie schlug genau in einem Wohnhaus ein, die Druckwelle zerstörte unzählige Gebäude in dem Dorf. Ausgebrannte Autowracks standen herum und überall lagen Teile und Trümmer verstreut. Kaum vorstellbar, welche Kräfte hier gewirkt haben und was die Menschen durchmachen mussten. Wie viele Tote und Verletzte es bei diesem Angriff gab ist nicht bekannt, ebenso konnte ich das Datum nicht in Erfahrung bringen. Ich setzte meine Fahrt nach Kiew fort, weil ich vor der nächtlichen Ausgangssperre im Hotel ankommen musste.

Hier schlug die Rakete in einem Wohnhaus ein. In einem Dorf südlich von Kiew. Foto: Rico Löb

In Kiew angekommen musste ich erstmal ein Hotel finden. Die meisten haben geschlossen, die geöffneten Hotel kann man online nicht buchen. Am Unabhängigkeitsplatz habe ich dann nach Hinweisen von Soldaten eine Unterkunft für Journalisten gefunden. Das Hotel war voll mit Berichterstattern aus aller Welt. Im Hotel angekommen dauert es auch nicht lange, bis der erste Fliegeralarm ausgelöst wurde. Die Sirenen heulten auf, doch einen Angriff gab es zum Glück nicht. Auch ein paar Stunden später, irgendwann gegen 4 oder 5 Uhr morgens heulten die Sirenen erneut auf. Nachrichten am Morgen vermeldeten einen Raketenangriff in der Region Lwiw.

Mein Ziel an diesem Tag war die Region um Butscha. Aus den Medienberichten kannte man diese Stadt durch das grauenvolle Massaker, bei dem rund 300 Zivilisten getötet wurden. Auch die Zerstörung in dem Ort und den umliegenden Dörfern sollte enorm sein. Ich wollte mir ein Bild davon machen, wie die Lage vor Ort tatsächlich ist und den Medien entsprechendes Foto- und Videomaterial zuarbeiten, sowie aktuelle Informationen recherchieren. Als erstes gelangte ich in den Ort Irpin, westlich von Kiew. Schon am ersten großen Checkpoint boten sich mir unglaubliche Bilder von einer völlig zerbombten Tankstelle und einem komplett zerstörten Supermarkt. Dieses Bild setzte sich durch den gesamten Ort fort. Hinzu kamen Autos am Straßenrand, deren Windschutzscheibe übersäht war von Einschusslöchern. Über manche Autos waren scheinbar Panzer drübergefahren, manche waren von Granaten getroffen worden. Dabei handelte sich fast nur um zivile PKW, zumindest sahen die Fahrzeuge so aus. Wer am Ende drin saß, das konnte man nicht mehr in Erfahrung bringen.

Im Zentrum von Irpin angekommen bot sich mir plötzlich ein völlig unerwartetes Bild. Auf einmal liefen auf der Straße mehr als 100 Menschen mit Schaufeln, Besen und Werkzeugen. Es handelte sich dabei sowohl um Männer, als auch Frauen. Alles scheinbar Freiwillige, die zum Aufräumen gekommen waren. Ein kurzes Gespräch mit einem Helfer bestätigte meine Vermutung. Man hatte sich getroffen, um die Straßen freizuräumen und die Schäden so gut es ging zu beseitigen. An einem zentralen Punkt im Ort konnte man sich als Helfer registrieren und bekam dort auch Werkzeug. Von dort aus wurde auch koordiniert, welche Helfer an welchem Platz innerhalb des Ortes aufräumten. Alles wirkte sehr koordiniert, auch schwere Baumaschinen wurden von hier aus losgeschickt zu den Schwerpunkten.

Dort, wo die Helfer sich trafen, waren auch die Schäden von Luft- und Artillerieangriffen deutlich sichtbar. Nicht nur die zerstörten Wohnhäuser machten dies deutlich, auch die Krater auf der Straßen ließen vermuten, wie schwer die Angriffe auf den Ort Irpin gewesen sein müssen.

Nachdem ich die Helfer eine Weile bei den Aufräumarbeiten begleitet hatte, fuhr ich weiter ins Zentrum der Stadt. An einer großen Kreuzung fand ich ein großes mehrstöckiges Wohnhaus vor, welches große Einschläge in den oberen Stockwerken aufwies. Auf dem, Parkplatz davor lag alles voller Trümmern, auch ein Auto wurde scheinbar getroffen und durch die Luft gewirbelt. Ladenschäfte waren verwüstet, völlig apokalyptische Bilder. Vor allem Glasscherben waren überall zu finden, der Boden war übersäht davon. Die Scherben müssen bei den Explosionen wie Projektile durch die Luft geschossen sein. Das zuvor gesehene Auto, welches auf der Seite lag, wurde scheinbar direkt von einer Granate oder einem ähnlichen Geschoss getroffen. Es war völlig deformiert, so eine Zerstörung sieht man selbst bei den schlimmsten Verkehrsunfällen nicht.

Nach diesen unfassbaren Eindrücken wollte ich weiterfahren nach Butscha. Auf dem Weg dorthin kam ich noch am Theater von Irpin vorbei. Eigentlich ein sehr schöne Gebäude mit einer gepflegten Grünanlage davor, alles sehr prunkvoll und mit Liebe zum Detail gestaltet. Doch nun, nach den Angriffen durch die Russen, ist der schöne Komplex nahezu vollkommen zerstört. Im Dach des Theatersaals klaffte ein riesiges Loch, Mauern waren eingestürzt. Direkt gegenüber sah man wieder ein mehrgeschossiges Wohnhaus und andere Gebäude, die schwer getroffen und stark beschädigt bzw. zerstört wurden. Und auch ein ukrainischer Panzer stand mitten in diesem Wohngebiet, augenscheinlich zerstört und verlassen.

Keine 500 Meter weiter befand sich an der Grenze zur Stadt Butscha. Trotz der zuvor gesehenen Zerstörung bot sich hier ein noch schlimmeres Bild, als in den anderen Orten. Die Schwere der Schäden schien sich noch mehr gesteigert zu haben. Die „Giraffe Mall“, einst ein modernes Einkaufszentrum, war völlig demoliert, hier muss es massive Angriffe gegeben haben. Ein Mörsergeschoss steckte noch in einem Bordstein fest, wir nicht explodiert und musste noch entschärft werden. Neben einem ausgebrannten und unglaublich deformierten Autowrack lag noch eine Leiche. Augenscheinlich ein Zivilist, auf dem Bauch liegend mit verkohlten Beinen. Daneben Wohnhäuser und Gärten, alles davon aber kaputt und in Schutt und Asche gelegt.

Nur wenige hundert Meter weiter in Butscha war eine Straße blockiert. Blockiert von zerstörten russischen Panzern, vermutlich durch ukrainische Kräfte. Von der Straße war nichts mehr übrig, der Asphalt war weg, man lief auf einer Mischung aus Sand und Asche. Die Panzer waren teilweise in kleinste Einzelteile zerlegt, sie müssen auch von der Luft aus angegriffen worden sein. Einer nach dem anderen wurde ausgeschaltet, auch ein Tanklaster ist in den Wracks noch zu erkennen. Umstehende Häuser hat es auch erwischt, viel ist nicht mehr übrig. In den Trümmern sieht man noch Munition liegen, auch eine Gasmaske ist zu sehen. Und ein Handy, welches offenbar gezielt durch einen Schuss zerstört wurde. Erzählungen von Anwohnern zufolge muss es zuvor während der wochenlangen Besetzung durch die russischen Angreifer ein unglaubliches Massaker gegeben haben. Menschen wurden wahllos erschossen, aber es wurden auch gezielt Männer gesucht, die 2014 bei der Militäroperation im Donbass  mitgewirkt hatten oder in einer anderen Verbindung zum ukrainischen Militär standen. Es wurden mehr als 300 Leichen gefunden, teilweise gefesselt, in den Kopf oder ins Herz geschossen. Manche waren auch gefoltert worden, die Rede war vereinzelt von abgeschnittenen Körperteilen. Grauenvolle Erzählungen.

Direkt hinter Butscha befindet sich der Ort Hostomel, wo auch der bekannte Antonov-Flugplatz ist. Hier stand auch das bekannte größte Flugzeug der Welt, welches bei den Angriffen zerstört wurde. Vor dem Eingang Flugplatz war bereits große Zerstörung durch Raketen und Artillerie zu sehen. Mehrstöckige Wohnhäuser wurden offenbar von Raketen getroffen, riesige Löcher klafften in den Hauswänden. Überall lagen zerstörte Autowracks herum, vereinzelt steckten auch Blindgänger im Boden. Ukrainische Militärtransporter brachten russische Fahrzeugwracks aus dem Flugplatz heraus, schleppten auch einige erhaltene Fahrzeuge ab. Hinter dem Flugplatz befand sich ein Kraftstoffdepot, dieses wurde offenbar ebenfalls gezielt angegriffen und zerstört. An mehreren Stellen brannte es noch, die Flammen wüteten offenbar schon eine sehr lange Zeit. Direkt daneben befanden sich Einsatzfahrzeuge der Feuerwehr. Ein Tanklöschfahrzeug war augenscheinlich direkt von einem Geschoss getroffen worden. Es wurde in mehrere Teile gerissen und stürzte um. Und auch hier entdeckte man überall noch Blindgänger, die erst noch entschärft werden mussten.

Später ging es für mich zurück nach Kiew. Auf dem Weg dort hin musste ich über eine halb zerstörte Brücke fahren. Am Ende der Brücke standen noch einige zerstörte Panzer- und Fahrzeugwracks. Auch diese müssen von den Russen gewesen sein, wurde von den ukrainischen Kräften aufgehalten und zerstört. Die Straße war übersäht mit Trümmern und Munition. Das Ganze war nur noch wenige hundert Meter von der Stadtgrenze zu Kiew entfernt. Die Russen müssen zuvor massiv auf die Stadtgrenze von Kiew gefeuert haben, ehe sie selbst besiegt wurden. Denn direkt hinter der Brücke waren enorme Schäden zu sehen, auch unzählige Wohnhäuser und eine Kapelle waren betroffen.

Am nächsten Tag fuhr ich nach Borodjanka. Dieser Ort wurde kurz zuvor bekannt, da es dort schwerste Bombardierungen durch die Russen gegeben haben muss. Fast alle Wohnhäuser in dem Ort sind beschädigt oder zerstört worden. Besonders auffällig waren zwei große Wohnblöcke, die von Raketen oder Luftminen getroffen sein mussten. Es gab riesige Löcher in den Gebäuden, teilweise waren sie eingestürzt. Feuerwehrleute und Rettungskräfte suchten mit bloßen Händen in den Trümmern nach Vermissten. Ein anderer Reporter erzählte mir, dass sich zum Zeitpunkt des Angriffs in dem Einen Haus 25, in dem anderen 8 Menschen aufgehalten haben sollten. Man vermutete die Leichen aller Vermissten unter den Trümmern in den Kellern der Häuser. Gefunden wurde zu dem Zeitpunkt als ich dort war aber noch niemand. Zerstört war außerdem auch das Polizeirevier des Ortes. Und auch der Feuerwachturm wurde durchschossen. Mit Feuerwehrmann Ivan konnte ich ein Interview führen. Er erzählt mir auch, dass der Feuerwehrchef des nahegelegenen Ortes Hostomel verschleppt worden sei, seine Leiche hätte man noch nicht gefunden.

Während meiner gesamten Reise lief in meinem Fahrzeug die Dashcam mit. Ich habe aus dem Material ein Video zusammengeschnitten, welches noch deutlicher die enormes Ausmaße der Schäden zeigt. Das Video ist hier zu sehen: https://blaulicht-magazin.net/mit-der-dashcam-im-kriegsgebiet-in-der-ukraine/